Slowakische Literatur - ein Überblick


 
 

   
Inhalt

1. Die slowakische Literatur - ein Überblick (s.u.) 

2. Zur Kodifizierung der slowakischen Literatursprache 
   (Leseprobe aus: Susanna Vykoupil, "Slowakei") 

3. Essays zum Tschechischen und das Slowakischen
 
 
 

   

Die slowakische Literatur - ein Überblick
   
Im Kampf um die nationale Identität eines Volkes spielt neben der Sprache auch die Literatur eine wichtige Rolle. Die Slowaken konnten dank ihrer Bemühungen im 19. Jahrhundert mit ihrer eigenen Literatur den Anschluss an Westeuropa finden. Bis in die 40er Jahre gehörten zu ihrer Nationalliteratur allerdings ausschließlich lateinisch, deutsch, im Bibeltschechisch oder in einer der tschechisch-slowakischen Mischvarianten verfasste Werke. Unter den lateinisch geschriebenen ist beispielsweise die staatspolitische Themen behandelnde Literatur des 16. Jahrhunderts der Schriftsteller M. Rakovský, Jacobius Monavius, Caspar Cundradus und Balthasar Exner hervorzuheben. 

Der erste eigentliche slowakische Dichter ist Ján Hollý (1784-1849), der noch in der Sprache Bernoláks schrieb. Er übersetzte nicht nur klassische lateinische Werke wie die „Aeneis“ (Eneida, 1828), sondern schuf nach diesem Vorbild seine die slawische Vorzeit, das Großmährische Reich (Svatopluk, 1833) und die Slawenapostel (Cirillo-Metodiada, 1835) verherrlichenden Epen. 
In der von L’udovít Štúr geschaffenen Schriftsprache schufen bald in kurzer Zeit einige Dichter die klassischen Werke der slowakischen Romantik. Die Štúr-Generation beherrschte die literarische Szene bis zum Anfang der 70er Jahre. Zu ihnen gehören Samo Chalupka (1812-1883), Janko Král’ (1822-1876) und Ján Botto (1829-1881). In seinem Hauptwerk „Jánosíks Tod“ (Smrt’ Jánošíková, 1862) verarbeitete der letztgenannte - sinnbildlich für das nationale Schicksal und die nationalen Zukunftshoffnungen - die Überlieferung vom edlen Räuber und Volksrächer Jánosík. Der bedeutendste Dichter der Štúr-Generation war Andrej Sládkovic (1820-1872), dem in seinen lyrisch-epischen (Marína, 1946) und epischen Dichtungen (Detvan, 1853) die Synthese des Volkstümlichen mit der persönlichen Erlebnissphäre gelang. Sladkovic erhob die Dichtung zur Kunstdichtung und bezeichnete den Beginn der modernen slowakischen Literatur. 
Mit dem Auftreten einer neuen Generation zu Beginn der 70er Jahre gelang in der slowakischen Literatur die Erneuerung des Verses und der Durchbruch der realistischen Prosa. Mit der nun aufgenommenen sozialen Thematik - auch unter dem Einfluss russischer und westeuropäischer Vorbilder – wurde der Anschluss an den Realismus gefunden. Bedeutende Schriftsteller dieser Periode, die bis in die 90er Jahre andauerte, sind Svetozár M. Hurban-Vajanský (1847-1916), Martin Kukucín (1860-1928) sowie erstmals auch weibliche Autoren wie Elena Maróthy-Šoltésová (1855-1939), Terézia Vansová (1857-1942) und Timrava (Pseudonym für Bozena Slancíková, 1867-1951), die sich der Emanzipationsthematik annahmen. 
Den Höhepunkt der slowakischen Dichtung des 19. Jahrhunderts bildeten die großen, meist thematisch gebundenen Gedichtzyklen von Pavol Orságh Hviezdoslav  (1849-1921), einem Meister der Natur- und Gedankenlyrik und Schöpfer einer an neuen Nuancen reichen Dichtersprache, die auch seinen Übersetzungen großer Werke der Weltliteratur hohen Rang verlieh. Persönliches und nationales Schicksal, die Liebe zu Volk und Menschheit verbanden sich in seinen Verserzählungen zu einem in der slowakischen Literatur neuen Zusammenklang. Trotz gewisser idealisierender Tendenzen gestaltete er das Volksleben, unter Verzicht auf die früher üblichen romantischen Mittel, in einem ausgeglichenen poetischen Realismus. Sein Rang in der slowakischen Literatur spiegelt sich in der Benennung zahlreicher öffentlicher Plätze mit seinem Namen sowie sein Denkmal auf dem nach ihm benannten Boulevard Hviezdoslavovo námestie.
In den 90er Jahren entstand die slowakische Moderne, die west­europäische und russische symbolistische Elemente aufnahm. Vor allem die Lyriker Ivan Krasko (1876-1958) und Janko Jesenský (1874-1945) stellten in ihren Werken ein modernes Lebensgefühl der individuellen Vereinsamung und Existenzbedrohung dar.


Das 20. Jahrhundert

Mit dem Entstehen der Tschechoslowakischen Republik 1918 wurden die Bedingungen für die Entfaltung der slowakischen Kultur gefördert und ermöglichten ein weiteres Aufleben der slowakischen Literatur. Das Schul- und Bildungswesen an Gymnasien und Universitäten wurde ausgebaut, das Nationaltheater gegründet, die Kulturinstitution Matica slovenská wurde erneuert. Die traditionsreiche 1881 gegründete Zeitschrift "Slovenské pohl’ady" (Slowakische Ansichten) nahm ihr Erscheinen wieder auf. Es entstanden auch neue literarische Zeitschriften. Die slowakische Literatur gewann an Vielfalt und innerer Differenzierung. Zwischen 1918 und 1945 festigte sich das Fundament der modernen slowakischen Literatur, die aus der Isolation herausgetreten war und die Last des Kampfes für die nationale Sache abgeschüttelt hatte.

Die 20er Jahre: Zahlreiche literarische Generationen und Richtungen nebeneinander 

Die Vertreter des literarischen Realismus wie Kukucín und Timrava hielten weiter an ihrer künstlerischen Methode fest, erweiterten jedoch ihren Themenkreis. 

Einige Autoren wie A. Pockody (1906) und Milo Urban (1904) nahmen in die realistische Tradition des Bauernromans auch impressionistische und expressionistische Elemente auf.
Anfang der 20er Jahre traten Prosaautoren mit der Kriegsthematik auf, unter ihnen Ján Hrušovský (1892-1975), Gejza Vámoš (1901-1956) und Janko Alexy (1894-1970). Ideell bestimmend für ihre Werke war der Expressionismus - jedoch nicht als ausgeprägte Kunstauffassung, sondern mehr als latente Stimmung in einer aus den Fugen geratenen Welt. Überzeugend erscheinen diese Tendenzen besonders im Schaffen von Milo Urban (1904-1982) und Jozef Cíger-Hronský (1896-1962). Ersteren interessierte das Kriegsschicksal des slowakischen Dorfes und die Reaktion der Menschen auf die Nachkriegsverhältnisse. 
 
          Milo Urbans Živý bic (Die lebende Peitsche)
    In seinem von deutschen Faschisten später öffentlich verbrannten zweiteiligen Roman "Živý bic" (1927) schildert er den Krieg in seinen psychischen und sozialen Auswirkungen auf das slowakische Hinterland. Er beschreibt, wie sich den Bauern des slowakischen Gebirgsdorfes Ráztoky im Gebiet Orawa nach und nach das wahre Bild des Kriegs enthüllt. "Held" dieses Romanteils ist die Masse der Dorfbevölkerung. In dynamischen, expressiven und mehr oder weniger zusammenhanglosen Einzelbildern wird der Eindruck des Kriegs auf das Bewusstsein der Bevölkerung geschildert. Einige Beispiele: Gleichsam als Symbol des Kriegs kehrt Ondrej Korec, einst Inbegriff bäuerlicher Kraft, verkrüppelt nach Ráztoky zurück. Auch die letzten jungen Männer des Dorfes wurden eingezogen, und die Frauen müssen die schwere Dorfarbeit allein tragen. Es zieht Not ein. Die jungverheiratete Eva Hlavaj hofft, die Freistellung ihres Mannes zu erwirken, indem sie sich dem Notar Okolický, einem zynischen Vollstrecker des Obrigkeitswillens hingibt. Ihre Bitte wird nicht erfüllt. Als sie von ihm ein Kind erwartet, wird sie von der Dorfgemeinschaft verstoßen und begeht Selbstmord. Als die Dorfglocken und das Vieh requiriert werden, kommt es zum offenen Widerstand der Dorfbewohner, der mit Polizeigewalt gebrochen wird. Der Krieg, die „lebende Peitsche“, hat die alte Ordnung des Dorfes zerstört, und führt dazu, dass man die Obrigkeit, vertreten durch Kaplan, Notar und jüdischen Kneipenwirt, nicht länger fraglos akzeptiert. 
    Der zweite Teil des Romans - Adam Hlavaj - konzentriert sich ausschließlich auf das persönliche Schicksal der Titelfigur. Nach der Art der slowakischen Sagengestalt Jánošík ein vogelfreier Kämpfer gegen die Unterdrückung, treibt der in seine Heimat zurückgekehrte Deserteur den Umdenkensprozess der Bergbauern voran. Seine Abenteuerlust, sein Durst nach Rache an dem Notar, der seine Frau in den Tod und das ganze Dorf ins Unglück trieb, werden zum dynamischen Moment der Handlung, die in einer anarchistischen Rebellion gipfelt. Die vom Notar gerufene Gendarmenabteilung wird vertrieben, der Notar an derselben Stellen, an der sich seine Frau, Eva, ertränkt hat, umgebracht, und die Kneipe des jüdischen Wirts, der sich an der Not der Bauern bereicherte, niedergebrannt. Am Ende steht Adam als lachender Sieger da.
 
Die Gruppe der Davisten 

Auf die slowakische Literatur der jungen Tschechoslowakischen Republik wirkten aber auch die modernen Einflüsse des tschechischen Poetismus, des Proletkults, des Dadaismus, Futurismus und Surrealismus ein. Unter diesen Einflüssen entstand 1924 die links orientierte Literatengruppe der Davisten, genannt nach ihrem Publikationsorgan "DAV" ("Masse" 1924-37). Die Dichter dieser Gruppe verschrieben sich einer Dichtung neuen Typs, der proletarischen Poesie, die zwischen Modernismus und Agitation oszillierte, verwarfen die gesamte literarische Vergangenheit und experimentierten mit neuen Ausdrucksmitteln. Zu ihren wichtigsten Autoren zählen Ján Ponican (1902-1978) und Ladislav (Laco) Novomeský (1904-1976). Zu den bedeutendsten Werken dieser Richtung gehören "Nedela" ("Sonntag" 1927) und "Romboid" (1932 u.a.) von Novomeský. 
 

Kommunistisch ausgerichtete Autoren wie Peter Jilemnický (1901-1949), Frano Kral’ (1903-1955) und Ján Ponican führten bereits in den 20er Jahren die Prinzipien des sozialistischen Realismus nach sowjetischem Vorbild in die slowakische Literatur ein.
 
Die 30er Jahre 

Auch Mitte der 30er Jahre gab es in der slowakischen Literaturszene Kontinuität und zugleich Vielfalt. In der Lyrik entwickelten sich der sogenannte Überrealismus und die katholische Moderne. Die von den französischen Surrealisten und dem tschechischen Poetisten Vítezslav Nezval inspirierte Gruppe der Überrealisten Rudolf Fabry (1915-1982), Vladimír Reisel (1919), Štefan Žary (geb. 1918), Ján Rak (1915-1969) war in der zweiten Hälfte der 30er und in den 40er Jahren aktiv.

Die Katholische Moderne, vertreten durch Rudolf Dilong (1905-1984), Janko Silan (1914-1984), Pavol Gašparovic-Hlbina (1908) und anderen, die zumeist Priester waren, ließ sich von Henri Bremonds Gedanken über die Zusammenhänge von dich­terischer und mystischer Erfahrung sowie von den Werken der französischen und tschechischen katholischen Dichter anregen. Im Zentrum ihres Schaffens stand der Gegensatz zwischen Spiritualität und Weltlichkeit.
Die Prosa brachte mit ihren lyrisierenden Tendenzen den slowakischen Naturismus hervor. Er wurde von den Franzosen J. Giono, H. Pourrat und C.F. Ramuz, den nordischen Familiensagas u.a. inspiriert und strebte Modernität durch den Rückgriff auf archaische Formen des Volksmärchens, die Ballade, biblische Geschichten etc. an. Die Autoren des Naturismus betonten entweder das volkstümliche Erzählelement oder die zuweilen mit biblischem Pathos gefärbte Expressivität der Sprache. Als dauerhafte Werte wurden Liebe, Freundschaft, Treue und Verständnis hervorgehoben. Die wichtigsten Autoren dieser Richtung waren Dobroslav Chrobák (1907-1951), Margita Figuli (1909) sowie František Švantner (1912-1950).
Als Reaktion auf den ornamentalen Stil und die ausgehöhlte Expressivität des Naturismus formierte sich in den 40er Jahren die Gruppe der sogenannten Dichter des Sujets. Zu ihren Autoren gehörten Dominik Tatarka (1913-1989), Ján Cerven (1919-1942) und Peter Karvaš (1920). Sie wollten die Prosa weniger sprachlich, sondern mehr durch die Struktur des Sujets verdichten und das intellektuelle Moment verstärken.
 

Nach 1945 : Der Arm der Partei über allem 

Wie alle Literaturen der Länder des ehemaligen Ostblocks, so ist nach 1945 auch die slowakische vom Dogma des sozialistischen Realismus gekennzeichnet. D. Tatarka, der später, im Jahr 1968, der „erleuchtete Slowake“ genannt wurde, nach der „Not des Suchens“ in den 40er Jahren in den 50er Jahren zum „Staatsautor“ wurde, während V. Minác seine desubjektivierte heroische Prosa über den Nationalaufstand verfasste und mehrere andere Autoren sich zum fingierten Atheismus hin orientierten oder von der Prosa zur Publizistik wechselten, versucht der Flüchtling Hronský gerade in dieser Situation, weiter sich selbst zu finden, seine neue Identität zu bestimmen. 

Zunächst jedoch konnte noch an die Vorkriegsliteratur angeknüpft werden. 1946 erschienen einige wahrscheinlich während des Krieges entstandene und dem Naturismus verpflichtete Romane von František Švantner, Hana Zelinová (1914), Jozef Horák (1907-1974) und Margita Figuli, wobei das ausgereifteste Werk der biblisch inspirierte Roman Babylon von Figuli ist. 

Die vom europäischen Symbolismus inspirierten Dichter der slowakischen Moderne haben ihr dichterisches Talent jedoch nicht mehr zur Geltung bringen können. Ivan Krasko war ganz verstummt, andere wandten sich anderen Tätigkeitsbereichen zu, oder sie verloren, wie die Katholische Moderne, zusehends an innerer und äußerer Überzeugungskraft. 

Zudem emigrierten einige Schriftsteller, die sich mit dem klerikal-faschistischen Regime unter Jozef Tiso identifiziert oder exponierte Posten bekleidet hatten, unter ihnen die bedeutenden Romanciers Cíger-Hronský und Milo Urban, der später allerdings zurückkehrte. 

Die vielversprechende Entwicklung der slowakischen Literatur wurde nach 1948 durch die nun allmächtigen Kommunisten abgeschnitten. Zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft sollte nun alle verfügbaren Kräfte zur „Nationalen Einheitsfront“ zusammengeschweißt werden. Auf der Ersten Tagung zum Zusammenschluss der tschechischen und slowakischen Schriftsteller 1949 in Prag kündigte Novomeský „Die definitive Erfüllung der Literatur“ - so der Titel seines Referats - an und verlangte von der „wirklichen“ Kunst, Helferin des Sozialismus zu sein. Eine Reihe zweifellos begabter Schriftsteller teilte in jener Zeit die Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit und echten Fortschritt in einem kommunistischen System. 

Es erschienen nun vor allem Werke des sozialistischen Realismus mit der Industrie- und Partisanenkampfthematik. Wichtige Autoren waren F. Hecko (1905), F. Králik (1903-1955), Weitere Vertreter waren: der Dichter Vojtech Mihálik (1926), D. Tatarka und L. Mnacko. Dieser neue Realismus zeigte sich in dem von dokumentarischen Fakten und kommunistischer Weltsicht geprägten, später zur Musterprosa des slowakischen Sozialistischen Realismus erklärten Roman "Kronika", ("Die Chronik", 1947) von Peter Jilemnický

Durch den Schriftstellerverband als verlängertem Arm der Partei wurde auf zahllosen Konferenzen der literarische „Produktionsprozess“ perfekt kontrolliert und gesteuert. Alles was der „organischen“ Entwicklung widerstrebte, galt als bourgeois, formalistisch usw., wurde aus der Öffentlichkeit verbannt und verfolgt wie z.B. die Katholische Moderne, deren Vertreter teilweise ins Ausland flüchteteten (R. Dilong). 1951 geriet der revolutionäre "DAV" ideologisch in Misskredit und wurde verboten. Als einer der prominentesten Intellektuellen kam Laco Novomeský ins Gefängnis. 
 

Die Phase der Entstalisierung 

In der Phase der Entstalinisierung konnten sich in den 1960er Jahren wieder modernistische Strömungen entwickeln. Erste Anzeichen des Tauwetters zeigten sich im Romandebüt "Sklený vrch" ("Der gläserne Berg" 1954) von Alfonz Bednár (1914), das zwar noch Aufbauoptimismus verbreitete, aber vom idealisierten positiven Helden abkehrte und eine differenziertere Darstellungsweise aufwies. Ernste Zweifel am naiven Fortschrittsglauben vieler Zeitgenossen äußerte der Dichter Milan Rúfus (1928) in seinem damals als Aufbruchssignal verstandenen ersten Gedichtband "Až dozrieme" ("Bis wir reif werden", 1956). Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre stellte die slowakische Literatur den unterbrochenen Kontakt zum eigenen literarischen Erbe und zur Avantgarde der Weltliteratur wieder her. 

Um die in Bratislava erscheinende literarische Wochenzeitschrift Mladá tvorba (Junges Schaffen, 1956-1970) wuchs eine neue Generation von Dichtern und Prosaschriftstellern heran, die neugierig und undogmatisch die Oberfläche der Wirklichkeit durchstießen und die Befindlichkeit des modernen Menschen in seiner Ungeborgenheit und Bedrohtheit erforschten. Eine besondere Stellung nimmt dabei das Werk des Dichters Miroslav Válek (1926-1991) ein. Auch eine Dichtergruppe aus Trnava bemühte sich - vom Vers Rimbauds, Apolinaires und Nezvals inspiriert - um eine zeitgemäße poetische Sprache. 

Mitte der 60er Jahre debütierte eine neue Generation bemerkenswerter Prosaiker, die hauptsächlich in Novellen, Erzählungen und Kurzgeschichten ihren Blick gezielt auf das Individuum und die typische Einzelerscheinung richteten. Nur der künstlerischen Verantwortung für ihr Schaffen verpflichtet, lieferten sie mit viel Freude am schöpferischen Experiment aussagestarke Nahaufnahmen der Wirklichkeit. 

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre meldete sich - erneut in den Spalten der Zeitschrift "Mladá tvorba" - die nächste Schriftstellergeneration zu Wort. Allen klassizistischen und ästhetisierenden Tendenzen den Rücken kehrend, schöpften die drei Dichter der Gruppe "Osamelí bezci" ("Einsame Läufer") Ivan Laucík, Peter Repka und Ivan Štrpka - alle Jahrgang 1944 - ihren schöpferischen Hauptimpuls aus dem ethischen Anspruch, Poesie nicht nur zu schreiben, sondern auch zu leben. 

In den 60er Jahren erschien auch bisher aus ideologischen Gründen verbotene Literatur, so z.B. František Švantners bereits 1945 in Zeitschriften erschienene existentialistisch konzipierte Novellen "Dáma" ("Die Dame") und "Knaz" ("Der Priester") und beeinflussten das Schaffen der jungen Generation. Früh artikulierte Švantner das nun einsetzende Bedürfnis nach der großen epischen Form, das er in dem erst 1956 postum veröffentlichten Roman "Život bez konca" (Leben ohne Ende) verwirklichte; hier betrachtet er das Leben als einen von Liebe und Leiden begleiteten, unaufhörlich dahinfließenden Strom. 
 

Nach dem Einmarsch 

Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten im August 1968 in die CSSR wurden die Hoffnungen auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zerstört. In dem Maße wie sich in der Zeit der sogenannten „Normalisierung“ das totalitäre kommunistische System wieder etablierte, wurde auch das kulturelle Leben abgewürgt. Die seit den 1960er Jahren entwickelten modernistischen Strömungen wurden erneut durch Publikationsverbote unterdrückt. 

Autoren, die sich der neuen Marschrichtung verweigerten, wurden aus dem seit der Föderalisierung der CSSR (1969) selbstständig agierenden slowakischen Schriftstellerverband ausgeschlossen und mit Publikationsverbot belegt (P. Karv, L. T’ažký, I. Kupec, Š. Moravcík, J. Kadlecík, die Kritiker Milan Hamada, Jozef  Bžoch und viele andere). Einige wenige wie Mnacko oder Jaroslava Blažková gingen ins Exil. 



    Ladislav Mnacko 

    Der am 29. Januar 1919 in Vlašské Klobouky geborene Schriftsteller war ursprünglich Arbeiter und Autodidakt und arbeitete später Journalist, Dramatiker und Romanschriftsteller. Er gehört zweifellos zu den interessantesten Gestalten des slowakischen literarischen Lebens der Nachkriegszeit. Seinen ersten großen literarischen Erfolg erlangte er mit dem Roman "Smrt’ sa volá Engelchen" ("Der Tod heißt Engelchen", 1959), der auch erfolgreich verfilmt wurde. Er wurde zu einem der am meisten publizierten Schriftsteller. 1967 stellte er sich kompromißlos gegen die Unterstützung der arabischen Politik gegen Israel, woraufhin ihm die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft entzogen wurde und er im Ausland bleiben mußte. Nach einem Jahr, in der Zeit der wachsenden Hoffnungen, kehrte er in die Heimat zurück, um nach der Okkupation im August 1968 erneut gezwungen zu werden wegzugehen. Er lebte dann in Israel, Italien und Österreich.

    Im Ausland gab er eine ganze Reihe von Büchern heraus, wie z.B. "Ako chutí moc" ("Wie die Macht schmeckt"), "Agresori" ("Aggressoren"), "Siedma noc" ("Die siebte Nacht") und schrieb einige Fernsehspiele, wie z.B. "Smrt'  ministra" (Der Tod des Ministers). Seine Arbeiten erscheinen deutsch und in Übersetzungen in weitere Sprachen.

Andere wieder publizierten später ihre Werke im Samisdat oder im Ausland wie D. Tatarka. Mit dem Verbot der kritischen Wochenschrift "Kultúrny život", die sich vehement für den Reformprozess eingesetzt und auch in Prag Aufmerksamkeit erregt hatte, und der Einstellung der Literaturzeitschrift "Mladá tvorba" sowie durch die per Redaktionswechsel erreichte Gleichschaltung der Zeitschriften "Slovenské pohl’ady" und "Romboid" (1963 gegründet) hatten die kritischen und offenen Geister ihre öffentliche Plattform verloren. Die Schriftsteller der mittleren und jüngeren Generation schwiegen unter dem zunehmenden Anpassungsdruck, sofern sie nicht zum Verstummen gebracht worden waren.

    Dominik Tatarka - Symbol des Widerstands
    Die traumatische Erfahrung von staatlicher Bespitzelung, umfassender Diskriminierung und die Realität des täglichen Kampfes gegen die 20 Jahre dauernde Zermürbung beschrieb Dominik Tatarka, das slowakische Symbol unerschütterlichen Widerstandes gegen das Unrechtssystem, in seiner illegal im Untergrund und in tschechischen Exilverlagen erschienenen Prosa. Seine neueren, im Ausland erschienenen Werke tragen Titel wie "Písacky" ("Geschreibsel", 1979), "Sam proti noci" ("Allein der Nacht entgegen", 1984), "Listy do vecnosti", ("Briefe in die Ewigkeit", 1988).
    Die Wurzeln von Tatarkas Prosaschaffen lagen im Surealistismus, den er als Student an der Sorbonne kennengelernt hat. Sein erstes Werk erschien 1935. 1944 erschien sein surrealistischer Roman "Panna zázracnica" (Die Zauberjungfrau). Tatarka lesen bedeutete nicht so sehr, etwas über seine Protagonisten zu erfahren, als vielmehr über eine bestimmte Phase zeitgenössischer intellektueller Geschichte, und über den Erzähler. In seinem Werk "Farská republika" ("Pfaffenrepublik", 1948) richtete er sich gegen das klerofaschistische Regime in der Ersten Slowakischen Republik. Nach 1945 begrüßte er zunächst die Entwicklung der „fortschrittlichen“ sozialistischen Literatur, zeigte jedoch bald deutliche Skepsis gegenüber dem Sozialismus. Seine Erzählung "Démon súhlasu" ("Dämon der Zustimmung", 1963) stellt - als Spaß verkleidet - in Wirklichkeit die bitterernste Abrechnung des Autors mit dem, wie er sagt „afrikanischen“ (lies: stalinistischen) Personenkult dar. Tatarka wurde zum bekanntesten literarischen Dissidenten der Slowakei. 1968 in Ungnade gefallen, lebte er den Rest seines Lebens als geächteter Schriftsteller, unterstützt von einem kleinen Kreis von Dissidenten und publizierte im Samizdat.

Erst nach und nach kehrten die Ende der 60er Jahre „freiwillig“ verstummten Autoren wieder in den verödeten Literaturbetrieb zurück. Bald schon kam es zu einer Blüte des slowakischen Romans, die sich 1974 mit dem Erscheinen des Debuts "Južná pošta" ("Südkurier") von Ladislav Ballek (1941) ankündigte. Die Romane von Vincent Šikula, Peter Jaroš und Ballek behandeln in unterschiedlicher Qualität aktuelle Themen in historischer Verkleidung. So konnten sich die Schriftsteller ihre Authentizität bewahren.
 
 
Die neue literarische Freiheit
 
Seit 1988 machte sich die liberale Perestrojka-Politik der Sowjetunion im slowakischen Kulturleben zunehmend bemerkbar. Vor allem die redaktionell erneuerte Zeitschrift "Slovenské pohl’ady" ("Slowakische Ansichten") und der neugegründete "Literárny týždenník" ("Literarische Wochenzeitung") brachten wieder Bewegung in die öffentliche Diskussion.
Für die jüngste slowakische Literatur, vertreten durch Namen wie Ivan Kolenic (1965), Tat’jana Lehenová (1961) und Ján Litvák (1965), waren der Rückzug ins Individuelle, der sich zeitweise bis zur Verweigerung und Zynismus steigert, und die Enttabuisierung des Intimen, vor allem des Erotischen (T. Lehenová) kennzeichnend. 
 
Großen Erfolg im In- und Ausland genießen die phantasievollen und einfühlsamen Bücher der Schriftstellerin Klára Jarunková (1922). Sie ist eine der bekanntesten slowakischen Schriftstellerinnen, deren Werke, vor allem Jugendliteratur, in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
Ihr 1963 erschienener vierter Roman "Jediná". ("Die Einzige", dt.1970) war besonders erfolgreich. In ihm fand die Autorin ihr Hauptthema: die Probleme der Heranwachsenden mit der Erwachsenenwelt. Die 14jährige Heldin und Erzählerin des Romans reagiert empfindsam auf die Beziehungen in der Familie, in der Schule und ihrer Umgebung, nimmt sie auf, beurteilt sie aus dem Blickwinkel der kompromisslosen Jugend. Dies ist der erste slowakische Roman, der durchgehend in der Jugendsprache verfasst ist. Die Protagonistin, Ol’ga Polomcová, erzählt die Geschichte des Romans im dynamischen und emotional-expressiven Slang der Studentenjugend Ende der 60er Jahre.
In ihrem jüngsten Roman "Nízka oblacnost’" ("Niedrige Bewölkung", 1993) analysiert Jarunková auf sensible Weise eine Familie, deren Erwachsene am Alltag scheitern, und das alles mit Blick auf eine Kindheit, die schon von Anfang an von Unzuverlässigkeit, Treulosigkeit und mangelnder Dauerhaftigkeit menschlicher Beziehungen gekennzeichnet ist.

Die ehemalige Bratislavaer Untergrundzeitschrift "Fragment K" erscheint nunmehr unbehindert weiter, und auch die kritische Wochenschrift "Kultúrny život" hat 1990 ihr Erscheinen wieder aufgenommen. 
Fortsetzung folgt. 
Stand: 25.03.2003

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