die nationale Akzente setzende
„Ruch“-Gruppe, insbesondere
Svatopluk Cech,
K.V. Rais,
J. Holecek,
Alois
Jirásek,
Z. Winter und
Teréza Nováková.
Zu dieser Entwicklung und deren Weiterentwicklung zu der dritten bedeutenden, kosmopolitischen Strömung und Zeitschrift, „Lumír“, trug die durch die Rückkehr der tschechischen Abgeordneten in den sog. Reichsrat bewirkte Belebung nicht nur des politischen, sondern auch des kulturellen tschechischen Lebens bei.
Die Zeitschrift „Lumír“ wurde von den Jahren 1877-1898 von
Josef Václav Sládek geleitet und im Wesentlichen von zwei Dichtern repräsentiert - von
Jaroslav Vrchlický und
Julius Zeyer. Die „Lumírovci“ knüpften an die „Májovci“ an: Sie setzten die Freiheit der dichterischen Form und ihre Weltaufgeschlossenheit durch. Beeinflusst wurden sie besonders von den französischen Parnassiens, die eine formale Ausgefeiltheit der Poesie forderten.
Im Zuge dieses kulturellen Aufschwungs wurde 1881 das „Národní divadlo“ feierlich mit
Smetanas „Libuse“ eröffnet - seine Tätigkeit konnte es nach einem Brand definiv 1883 aufnehmen. 1882 erhielt auch die Prager Universität ihre „tschechische Eigenständigkeit“: Sie wurde in eine tschechische und eine deutsche Universität aufgeteilt. Es kamen neue, junge Wissenschaftler mit Weltblick nach Prag - z.B.
Tomás Garrigue Masaryk (1850-1937) aus Wien. Die tschechische Geschichtsschreibung mit
Jaroslav Goll (1846-1929) entwickelte eine eigene wissenschaftliche Schule. Die tschechische Sprachwissenschaft wurde durch
Jan Gebauer belebt. Ins Zentrum des öffentlichen Interesses gelangten erneut die oben erwähnten Handschriften „Ruskopis královédvorský“ und „Rukopis zelenohorský“, nachdem Prof.
Jan Gebauer (1838-1907) in
Masaryks Revue „Atheneum“ eine neue wissenschaftliche Untersuchung ihrer Echtheit gefordert hat.
Auch die Bemühungen der nationalen literarhistorischen Schule
Jaroslav Vlceks (1860-1930) dürfen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.
Die Moderne
In
den 1890er Jahren formte sich die tschechische Moderne unter dem Einfluss besonders
des französischen Symbolismus unter der kritischen Führung von
F.X. Salda heraus und erreichte ihren Höhepunkt in der sprachgewandten,
individualisierten, auch soziale Themen gestaltenden Lyrik von
Otokar Brezina und
Petr Bezruc; daneben
auch
Josef Hora mit Lyrik des proletarischen
Großstadtelends. Mit starker Betonung religiöser Thematik bildete sich als
Gegenpol eine katholische Moderne.
Die 20er Jahre
Die 1920er Jahre waren durch die Künstlergruppe des „Devetsil“ bestimmt, die zunächst dem Proletkult
nahe stand, v.a. Vítezslav Nezval und Karel Teige, die Schöpfer der literarischen
Avantgardebewegung des Poetismus. Weitere Vertreter
waren K. Biebl und Jaroslav
Seifert (Nobelpreis für Literatur 1984) sowie in ihren Anfängen Frantisek Halas,
V. Holan und V. Vancura. Diese Avantgardebewegung war auch
nach der Auflösung des „Devetsil“ (seit Ende der
1920er Jahre) weiter lebendig.
Die 30er Jahre
Zu den wirkungsvollsten Erzählern der 1930er Jahre gehören Jaroslav Hasek, Karel Capek, I. Olbracht,
Bozena Benesová, Marie Majerová und Marie Pujmanová.
Während der Zeit der deutschen Okkupation wurde nahezu alles literarische
Schaffen und Publizieren mit Gewalt unterdrückt.
Nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg erzwangen die politischen
Verhältnisse die Anpassung an Normen des sozialistischen Realismus, der eine
Reihe von Autoren folgte, u.a. Nezval, Olbracht, Majerová, Pujmanová, Jan Drda und V. Rezác; einige Autoren emigrierten (E. Hortovský)
oder verstummten (Frantisek Langer, V. Holan, J. Deml, J. Weil). Erst
Ende der 1950er Jahre bis zum Höhe- und Wendepunkt 1968 konnte sich die tschechische Literatur in Teilbereichen vom politischen
Druck befreien.
Die 60er Jahre
Die tschechische Literatur der 1960er Jahre wandte
sich von vereinfachten Konstruktionen und Klischees ab und berücksichtigte
stärker persönlicher Erfahrungswelt und Philosophie, in der Lyrik F. Hrubín,
J. Skácel, I. Skála, O. Mikulásek, V. Závada, in der
Prosa L. Fuks, Jirí Grusa, Ivan Klíma, Milan Kundera,
V. Páral,
Jan Procházka, Bohuslav Hrabal, Vera Linhartová, Ludvík Vaculík, im Drama Pavel Kohout und Václav Havel. Die sowjetische Invasion im August
1968 beendete die Phase der relativen Liberalisierung des literarischen
Schaffens: Die Literatur wurde einer rigorosen politischen Zensur unterworfen
und ideologisch gleichgeschaltet, die literarische Presse liquidiert, der
Schriftstellerverband aufgelöst und neu gegründet; die literarischen Führer des
Prager Frühlings wurden verfolgt, z.T. in die
Emigration getrieben, viele Autoren erhielten Publikationsverbot. Dies alles
führte zu einer weitgehenden Spaltung der tschechischen Literatur in die
offiziell gebilligte Literatur, die Untergrund- und die Exilliteratur.
Die 70er und 80er Jahre
Zur Emigration entschlossen sich u.a. Josef Skvorecký,
Arnost Lustig, Milan Kundera, Grusa,
Kohout, M. Napravník, I. Divis.
Die in der Tschechoslowakei verbliebenen Autoren, die
offiziell nicht publizieren durften, u.a. Havel,
Uhde,
Klíma, Jan Trefulka, A. Kliment, M. Simecka, Vaculík, K. Sidon, K. Recka,
veröffentlichten in Exil- und Samizdatverlagen (Exilliteratur).
Das tschechische literarische Exil der siebziger und achtziger Jahre kennt in der modernen tschechischen Geschichte keine analoge Entwicklung. Die Bewegung erhielt als Folge der dritten großen nationalen Tragödie innerhalb von dreißig Jahren in der Tschechoslowakei, d.h. als Folge der Okkupation des Landes durch fünf Staaten des Warschauer Pakts, ein so ausgeprägtes Potential, dass sich der Schwerpunkt einiger kultureller Bereiche hinter die westlichen Grenzen des Landes verschoben hat, vor allem nach Westeuropa, in die USA und nach Kanada.
In diesem Zusammenhang ist aber auch darauf hinzuweisen, dass auch schon nach dem Februar 1948 in der Emigration eine Reihe beachtlicher Editionen erschienen ist, in der so bedeutende Autoren wie Jan Cep, Egon Hostovský, Frantisek Listopad, Premysl Pitter, Viktor Fischl und andere publizierten (s. dazu Untersuchungen von L. Seflova und Antonin Kratochvil).
Nach der
„sanften“ Revolution 1989
Seit der „sanften“ Revolution im November 1989 stehen
Fragen der Normalisierung des kulturellen Lebens, die Veröffentlichung und
Aufführung der seit Ende der 1960er Jahre verbotenen Werke, die Rückkehr der exilierten Autoren und die literarische Aufarbeitung der letzten Jahrzehnte (J. Putík, J. Zábrana,
J. Kratochvíl, M. Viewegh u.a.) im Vordergrund.
Bibliographie:
Mühlberger, J.: Tschechische
Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 1970.
Kunstmann, H.: Tschechische Erzählkunst im 20. Jahrhundert. Köln 1974.
Baumann, W.: Die Literatur des Mittelalters in Boehmen. Deutsch-lateinische-tschechische Literatur vom 10. bis 15. Jahrhundert.
München 1978.
Mestan, A. u.
Lettenbauer, W.: Geschichte der tschechischen Literatur im 19. und 20. Jahrhundert.
Köln 1984.
Schamschula, W.:
Geschichte der tschechischen Literatur, 2 Bde. Köln 1990-96.
Zur tschechischen Literatur 1945-85. Mit einem
Titelverzeichnis der „Hinter Schloß und Riegel“-Literatur, hg. v. W. Kasack. Berlin 1990.
Bock, I.: Die Spaltung und ihre Folgen. Einige
Tendenzen der tschechischen Literatur 1969-1989. Berlin 1993.
Spoken Czech literature. Oslo
1997.
Thomas,
A.: Anne's Bohemia. Czech literature and society, 1310-1420. Minneapolis,
Min., 1998.
Zand, L.:
Totaler Realismus und peinliche Poesie. Tschechische Untergrund-Literatur 1948-1953. Frankfurt am Main 1998.